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Neuemission freenet.de - Phantasie mal Euphorie gleich Kurs
Das hat man auch am Neuen Markt seit langem nicht mehr erlebt: bescherte schon die Erstnotiz mit 68 Euro den glücklichen Zeichnern einen traumhaften Gewinn von weit über 100 Prozent, so kletterte der Kurs im Verlaufe des ersten Handelstages unter sagenhaften Umsätzen von rund 1,8 Mio. Stück - fast die Hälfte des Emissionsvolumens - auf beinahe 100 Euro und schloss in Frankfurt mit 99 nur minimal darunter. Die freenet AG, deren 77prozentiger Hauptaktionär weiterhin MobilCom bleibt, wird damit mit 3,4 Milliarden Mark bewertet, mehr als halb soviel wie MobilCom selbst.

Nun, eine hochinteressante Aktie ist freenet in der Tat, das hatten wir ja schon letzte Woche festgestellt und die Zeichnung empfohlen. Doch welche Phantasie sehen die Anleger in diesem Unternehmen, die eine solche Bewertung rechtfertigen würde? Zum Vergleich: freenet erwartet im nächsten Jahr knapp 40 Mio. DM Umsatz, im Jahr 2001 sollen es rund 80 Mio. sein. Dagegen erzielte das Internet-Unternehmen GFT schon in den ersten 9 Monaten diesen Jahres mehr als 80 Mio. Umsatz - und wird von der Börse mit "nur" knapp einer Milliarde bewertet.

Dabei weist GFT ebenfalls enorme Wachstumsraten auf, arbeitet allerdings im Gegensatz zu freenet bereits profitabel, während der Neuling erst im Jahr 2002 schwarze Zahlen plant. Zwar hinkt der Vergleich aufgrund des unterschiedlichen Geschäftsbereiches, die Dimensionen machen die exorbitante Bewertung jedoch deutlich.

Das Konzept von freenet ist schlüssig und erfolgreich: wer sich über die eigene Rufnummer einwählt, der bezahlt lediglich eine Minutenpauschale von 5 bzw. 3,3 Pfennig und muss keine Grundgebühr entrichten; nur im zweiten Fall fällt zusätzlich eine Mindestabnahme von 20 Stunden im Monat sowie eine Einwahlgebühr von 6 Pfennig pro Verbindung an.

Clever: die erste aufgerufene Seite ist automatisch die Startseite des Portals freenet.de - furchtbar nervig für manchen Nutzer, der mit "Reloads" arbeitet und die alte Seite verliert, doch wie der Autor feststellen musste, wirkt das Portal früher oder später trotz des hartnäckigen Versuches, die Seite zu ignorieren. Integriert sind dabei unter anderem die Suchmaschine Dino-Online, der in Kooperation mit Inktomi angebotene Preisvergleich über ucompare.de sowie ein bunt gemischter Content von Fun über Entertainment, Information und Wirtschaft bis hin zu eigenen eCommerce-Angeboten.

Letzteres soll künftig einen wesentlichen Teil der Einnahmen ausmachen, als drittes und später Haupt-Standbein neben Einwahlgebühren und Werbung. Allerdings erzielt freenet bislang fast ausschließlich Umsätze aus Einwahlgebühren - das Geschäftsfeld eCommerce muss über Kooperationen erst erschlossen werden.Strategisch profitiert freenet von der Anbindung an MobilCom durch Synergieeffekte, allerdings muss dafür die Abhängigkeit von der Infrastruktur der Mutter in Kauf genommen werden. MobilCom wird hier jedoch im nächsten Jahr über die Nutzung des eigenes 3400 km langen Netzes mit Cisco-Technologie einen Sprung ganz nach vorne machen und damit deutliche Kostensenkungen erreichen.

Trotz der dadurch verdeutlichten guten Chancen darf das Risiko nicht außer acht gelassen werden; einerseits sind andere Call-by-Call-Anbieter bereits jetzt auf dem Markt und sorgen für kräftigen Margendruck, andererseits drohen Kabelangebote zu Pauschalpreisen und mit kostenlosen Zusatzangeboten sowie sehr viel schnelleren Leitungen den Markt aufzurollen. Schon jetzt tauchen die ersten echten Flatrates auf; nachdem der 77-DM-Tarif von MobilCom aufgrund begrenzter Kapazitäten gescheitert war. Allerdings liegen der Preise noch in Größenordnungen, die nur für Vielsurfer interessant sind.

Insgesamt also gemischte Aussichten - angesichts dieser doch nicht ganz unbeträchtlichen Risiken erscheint der Preis umso überzogener. Selbst der als Kaufargument oftmals herangezogene Vergleich mit der britischen freeserve zieht kaum mehr - schließlich wird jeder Kunde von freenet nun schon mit mehr als 5.000 DM bewertet und damit ein gutes Stück höher als die des Providers von der Insel, obwohl der deutlich größer als das deutsche Gegenstück ist.

Ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von mehr als 100 (!) für 1999 und über 40 für 2001 enthält unserer Ansicht nach bereits alle nur denkbaren Vorschußlorbeeren. Selbst die Weltmarktführer AOL und Amazon werden "nur" mit dem 20-30fache ihres Umsatzes bewertet - aber dem des laufenden Jahres. Trotz aller nur denkbaren Phantasie können wir die derzeitigen Kurse nicht nachvollziehen und raten allen investierten Anlegern, sich von ihren Aktien zu trennen, bevor diese Übertreibung der breiten Masse offensichtlich wird.

P.S.: aufgrund der ungeheuren Bewertungsrelationen halten wir einen Rechenfehler unsererseits nicht für ganz ausgeschlossen und würden uns über einen entsprechenden Hinweis freuen ;-))



Veröffentlichungsdatum: 05.12.1999 - 04:17
Redakteur: bf
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