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HV-Bericht 123fahrschule SE - Mit Inkrafttreten der Gesetzesreform wird das Geschäft deutlich an Dynamik gewinnen

Die 123fahrschule SE hatte für den 10. Juni 2026 zur Hauptversammlung in das Bürgerhaus Stollwerck nach Köln eingeladen. Vermutlich bedingt durch die nicht einfache Verkehrssituation hatten sich dort nur einige wenige Aktionäre eingefunden, um sich über Deutschlands größte digitalisierte Fahrschulkette zu informieren, die ab dem kommenden Jahr in eine neue Entwicklungsphase eintreten wird. Für GSC Research war Matthias Wahler angereist.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Petter eröffnete die Versammlung um 10 Uhr und teilte mit, dass der Vorstand mit Boris Polenske komplett anwesend ist. Dessen Kollege Dr. Andreas Günther, der am 20. März 2025 als zweites Vorstandsmitglied berufen worden war, hat sein Amt am 25. November 2025 wieder niedergelegt. Vom Aufsichtsrat fehlte Dr. Bert Brinkhaus entschuldigt. Das Protokoll führte Notar Dr. Markus Buschmann.

Im Folgenden erläuterte Herr Petter die Formalien und verlas die Punkte der Tagesordnung. Unter TOP 6 war die Wahl von zwei Aufsichtsratsmitgliedern vorgesehen. Zum einen sollte dort Mathias Mandt in seinem Amt bestätigt werden. Außerdem war die Wahl von Andreas Günther als Ersatz für den mit Wirkung zum 31. Mai 2026 ausgeschiedenen Dr. Heinrich Zetlmayer vorgesehen. Herr Günther hat, wie der Vorsitzende klarstellte, nur zufällig den gleichen Namen wie das ausgeschiedene Vorstandsmitglied.

Sodann verlas Herr Petter den Bericht des Aufsichtsrats. Das Gremium hat sich im Geschäftsjahr 2025 insgesamt zehnmal getroffen, woran der Vorsitzende die intensive Begleitung des Vorstands durch den Aufsichtsrat aufgezeigt sieht. Im Mittelpunkt der Beratungen standen die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens, strategische Überlegungen sowie Maßnahmen zur Steigerung der operativen Effizienz. Weitere Themen waren die personellen Veränderungen und die Platzierung der Wandelschuldverschreibung zur Kapitalbeschaffung.

Nach diesen Ausführungen übergab Herr Petter das Wort an den Vorstand.


Bericht des Vorstands

Wie Herr Polenske aufzeigte, lag der Schwerpunkt der Aktivitäten im Geschäftsjahr 2025 auf der Produktentwicklung und der strategischen Weiterentwicklung der 123fahrschule. Zu seiner Freude waren erhebliche Fortschritte zu verzeichnen und auch die Vorbereitungen auf die anstehende Gesetzesreform kamen gut voran. Viele Prozesse wurden noch stärker digitalisiert und im ersten Quartal 2026 ist bereits zu erkennen, dass die Früchte dieser Arbeit geerntet werden können.

Der Fokus wurde insbesondere auf Themen gelegt, die wirklich Wert stiften und entweder zu einer Effizienzsteigerung im operativen Geschäft beitragen oder die Kostenstruktur verbessern. Vor allem ging es um die Personalkosten, die in Relation zum Umsatz immer noch recht hoch sind. Dies resultiert Herrn Polenske zufolge in erster Linie daraus, dass die recht gut bezahlten Fahrlehrer für das Geschäft eine zentrale Rolle spielen. Immerhin gelang es aber, mit den getätigten Investments die operative Leistungsfähigkeit der Fahrlehrer zu verbessern.

Herr Polenkse berichtete von dem neuen Planungstool für die Fahrstunden, das dazu beiträgt, die Fahrlehrer optimal auszulasten. Sie können pro Tag höchstens elf Unterrichtsstunden á 45 Minuten fahren, allerdings müssen Prüfungen und andere Abweichungen berücksichtigt werden. Zentrale Bedeutung hat die Minimierung von Leerlaufzeiten und dies ist kein triviales Problem, weil dafür auch Faktoren wie Fahrzeugwechsel, die Verfügbarkeit der Schüler und deren Abholort berücksichtigt werden müssen. Zur Freude des Vorstands ist dieses Problem bei 123fahrschule aber heute weit besser gelöst als bei anderen Anbietern im Markt, was maßgeblich dazu beitragen wird, dass der operative Betrieb reibungslos funktioniert.

Zudem wurde in die Optimierung des Buchhaltungssystems investiert. Auch mit KI-Unterstützung konnte die durchschnittliche Bearbeitungszeit für Belege ganz erheblich verkürzt und in der Folge die Zahl der Mitarbeiter in diesem Bereich reduziert werden. Herr Polenske sieht das Unternehmen damit gut gerüstet für das weitere Wachstum, das nach seiner Überzeugung mit der anstehenden Gesetzesänderung erheblich an Fahrt aufnehmen wird.

Wie er aufzeigte, wurde der Gesetzesentwurf mittlerweile per Kabinettsbeschluss verabschiedet und befindet sich planmäßig im parlamentarischen Verfahren. Die neue Regelung, auf die Vorstand und Aufsichtsrat lange gewartet haben, wird damit voraussichtlich am 1. Januar 2027 in Kraft treten. Die Gesetzesänderung an sich wird erst am 1. Juli 2027 folgen, wichtiger für 123fahreschule ist aber die Verordnung, die Herr Polenkse als Basis dafür sieht, dass in den Jahren 2027 und 2028 deutliches Wachstum zu erwarten ist.

Eine wesentliche Änderung ist, dass der Theorieunterricht in Präsenz künftig nur noch auf freiwilliger Basis stattfindet. Das ist für 123fahrschule ein zentraler Punkt, nachdem die bisher geltende Präsenzpflicht bislang immer Wachstum gekostet hat. Der Einzugsbereich der Fahrschulen ist nun einmal begrenzt. Der Präsenzunterricht wird mit Inkrafttreten der Gesetzesänderung durch E-Learning und synchrone Online-Sessions ersetzt, was helfen wird, das Geschäft von 123fahrschule viel schneller zu skalieren.

Die Entscheidung, dass 123fahrschule in den 30 größten Städten in Deutschland mit eigenen Standorten, Simulatoren und Fahrlehrern vor Ort vertreten sein soll, hat dennoch Bestand. In den anderen Regionen ist hingegen die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern und Franchisenehmern geplant und es gibt Herrn Polenske zufolge auch schon viele Anfragen von interessierten Fahrschulen und Fahrlehrern, die sich selbständig machen wollen.

Umfangreiche Informationen über die anstehende Gesetzesreform finden alle Interessierten auf der Website www.fahrschulreform2027.de. Auf dieser Seite können sich auch Fahrlehrer und Fahrschulinhaber melden, die als Kooperationspartner mit 123fahrschule zusammenarbeiten wollen. Es ist nach Angabe des Vorstands bereits eine hohe zweistellige Zahl an Anfragen eingegangen und er geht davon aus, dass es am Ende etwa 600 bis 700 Kooperationspartner sein werden, womit 123fahrschule dann in Deutschland flächendeckend vertreten sein sollte.

Herr Polenske ist überzeugt, dass das Geschäft mit der anstehenden Gesetzesänderung noch einmal deutlich skaliert werden kann. Wie er aufzeigte, hat sich der Umsatz von 123fahrschule seit dem Börsenlisting im Jahr 2020 in etwa verfünffacht. In den letzten beiden Jahren hat sich das Wachstum abgeschwächt, da der Fokus stärker auf die Profitabilität gerichtet und weniger in neue Standorte investiert wurde. Auch mit Blick auf die anstehende Gesetzesänderung schien es nicht sinnvoll, viele neue Standorte aufzubauen, die dann gar nicht mehr benötigt werden.

Derzeit hat der Fahrschulmarkt in Deutschland ein Volumen von etwa 3,5 bis 4,0 Mrd. Euro, er wird nach Einschätzung des Vorstands aber in den nächsten Jahren in Richtung 3 Mrd. Euro schrumpfen. 123fahrschule hat aktuell einen Marktanteil von rund 1 Prozent, Herr Polenske sieht jedoch eine gute Chance, dass zusammen mit den Kooperationspartnern perspektivisch ein zweistelliger Wert erreicht werden kann. Die Gesetzesänderung eröffnet die Möglichkeit, das Geschäft deutlich zu skalieren und 123fahrschule verfügt über die Infrastruktur und die Prozesse, um diese Chance zu nutzen.

Das Wachstum wird, das wollte Herr Polenske nicht verhehlen, natürlich erst einmal Geld kosten. Insbesondere gilt dies auch für die Ausweitung der Produktion von Fahrschulsimulatoren in der Tochtergesellschaft FOERST, die derzeit eine deutliche Belebung der Nachfrage verzeichnet. Nachdem in den letzten Jahren viel Basisarbeit geleistet worden ist, erkennt er jetzt in der Software eine zunehmende Qualitätsverbesserung. Der Fokus soll jetzt noch stärker auf pädagogische Aspekte gelegt werden. Spätestens zum Jahresende sollen sich die Simulatoren von FOERST qualitativ und in pädagogischer Hinsicht deutlich von den Wettbewerbsprodukten abheben.

Herr Polenske sprach zudem einige Worte zum Geschäftsbereich Fahrlehrer- und Berufskraftfahrerausbildung, der zuletzt hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, wofür der Vorstand interne und externe Gründe erkennt. Zum einen wurde das Segment umstrukturiert und der Vertrieb neu aufgestellt. Bremsend wirkt sich außerdem aus, dass die Fahrlehrerausbildung aktuell noch ausschließlich in Präsenz stattfinden muss, was die Kundengewinnung in vielen Regionen einschränkt.

Die neue Verordnung erlaubt es nun aber, den Unterricht teilweise digital abzubilden, womit auch dieses Geschäft überregional skaliert werden kann. Zudem kann künftig eine berufsbegleitende Teilzeitausbildung angeboten werden. Die Digitalisierung ist insofern auch in diesem Bereich ein wichtiges Thema.

Unverändert ist es nach Aussage von Herrn Polenske das Ziel, mit 123fahrschule die beste Fahrschulausbildung im deutschen Markt anzubieten. Dafür benötigt das Unternehmen selbst auch ausreichend Fahrlehrer und Simulatoren. Nach Überzeugung des Vorstands wird es mit der Gesetzesänderung gelingen, ein attraktives Paket für Interessenten, Kooperationspartner und Franchisenehmer im Markt anzubieten.


Allgemeine Aussprache

Ein Aktionär bat um ergänzende Informationen, welche Verbesserungen dank KI-Unterstützung in der Buchhaltung erreicht werden konnten und wieso dies der Vorstand als berichtenswerten Erfolg ansieht.

Wie Herr Polenske aufzeigte, werden eingehende Belege durch den Einsatz von KI automatisch sortiert, kontrolliert und zugeordnet, wodurch in diesem Bereich einige Mitarbeiter eingespart werden konnten. Außerdem ist es mit KI-Unterstützung möglich, automatisiert eine Liquiditäts- und Cashflow-Planung erstellen zu lassen, was enorm Zeit spart. Dies hilft bei der Skalierung des Geschäfts, nachdem den Kooperationspartnern weite Teile der Verwaltung inklusive Buchhaltung und Lohnabrechnung als Service abgenommen werden sollen, damit sie sich voll auf ihr Geschäft konzentrieren können.

KI kann auch in anderen Bereichen unterstützen. Beispielsweise kann sie den Fahrschülern bei der Nutzung des Simulators Tipps geben, womit nicht mehr zwingend ein Fahrlehrer anwesend sein muss. Dieser kann damit anderweitig eingesetzt werden, was ein großer Vorteil ist, nachdem Fahrlehrermangel in vielen Regionen weiterhin ein großes Thema ist. Insbesondere müsste der Lkw-Führerschein mit KI-Unterstützung schneller und günstiger erworben werden können – und in diesem Bereich hat 123fahrschule schon heute das mit Abstand beste Produkt im Markt.

Weiter informierte Herr Polenske, dass nur noch einige wenige Präsenzstandorte in großen Städten eröffnet werden sollen, um das Filialnetz zu komplettieren. Mit der Gesetzesänderung reicht künftig eine überschaubare Zahl an Flagship-Standorten in den Ballungsräumen aus. Simulatoren können schließlich überall aufgestellt werden, das muss nicht zwingend in eigenen Räumen sein. Grundsätzlich soll aus der Fläche herausgegangen werden, um Raumkosten zu sparen.

Auf Nachfrage des Aktionärs ergänzte der Vorstand, dass die Fahrschulautos ohne feste Standorte da geparkt werden können, wo eine freie Fläche verfügbar ist. Ein Thema ist weniger der Platz als vielmehr die Organisation, dass der gerade aktive Fahrlehrer Zugang zum Fahrzeug erhält. Derzeit werden die Fahrzeuge mit entsprechender Technik ausgestattet. Ein Thema wird auch zunehmend die Verfügbarkeit von Ladeinfrastruktur, nachdem 123fahrschule verstärkt auf Elektrofahrzeuge setzt.

Die Frage des Aktionärs, um wie viel der Führerscheinerwerb mit der Gesetzesänderung günstiger wird, konnte der Vorstand nicht beantworten. Der niedrigere Preis resultiert schließlich nicht daraus, dass die Preise fallen, sondern daraus, dass die Fahrschüler schneller zum Ziel kommen, nachdem sie sich mit der App und durch Nutzung der Simulatoren besser vorbereiten können. Dies ist der Grund dafür, dass sich der Branchenumsatz vermutlich ein stückweit rückläufig entwickeln wird. Das klare Ziel aus Sicht von 123fahrschule ist es aber, den Marktanteil deutlich auszubauen.


Abstimmungen

Vor Eintritt in die Abstimmungen verkündete Herr Petter die Präsenz. Auf der Hauptversammlung waren 3.239.329 Aktien vertreten. Bezogen auf das gesamte Grundkapital in Höhe von 5.958.302 Euro, eingeteilt in ebenso viele Aktien, entsprach dies einer Quote von 54,37 Prozent.

Alle Beschlüsse wurden mit Mehrheiten über 95 Prozent gefasst. Im Einzelnen waren dies die Entlastung von Vorstand (TOP 2) und Aufsichtsrat (TOP 3), die Bestellung der Morison Köln AG zum Abschlussprüfer (TOP 4), die Ermächtigung zum Erwerb und zur Verwendung eigener Aktien (TOP 5) sowie die Wahl der Herren Andreas Günther und Mathias Mandt in den Aufsichtsrat (TOP 6).

Um 11:13 Uhr schloss der Vorsitzende die Versammlung.


Fazit

Bei der 123fahrschule SE sind alle Blicke auf die zum 1. Januar 2027 in Kraft tretende Fahrschulreform gerichtet. Ein wesentlicher Punkt der neuen gesetzlichen Regelung ist, dass künftig kein Theorieunterricht mehr in Präsenz vorgeschrieben ist, was die Wachstumsmöglichkeiten bisher beschränkt hat. Für eine flächendeckende Präsenz reicht es künftig aus, wenn 123fahrschule in den Ballungszentren mit eigenen Standorten, Simulatoren und Fahrlehrern vor Ort vertreten ist und im Übrigen auf Kooperationspartner setzt.

In den letzten Jahren wurden die Prozesse im Unternehmen umfassend digitalisiert und die Strukturen vorbereitet, um das Geschäft skalieren zu können. Dies hat natürlich Kosten verursacht und war der wesentliche Grund dafür, dass regelmäßig Verluste ausgewiesen wurden. Mit den Investitionen wurde allerdings die Grundlage für das künftige Wachstum geschaffen. Die Chancen dafür, dass das Geschäft erheblich ausgeweitet werden kann, stehen gut. In den letzten Monaten ging eine Rekordzahl an Neuanmeldungen ein und auch das Interesse potenzieller Kooperationspartner ist groß.

Aus Investorensicht befindet sich das Unternehmen in einer entscheidenden Entwicklungsphase. 123fahrschule entwickelt sich derzeit von einem technologiegestützten Ausbildungsanbieter hin zu einer skalierbaren Ausbildungs- und Plattformgesellschaft, was ganz neue Ertragspotenziale eröffnet. Sobald erkennbar wird, wie stark das Geschäft in den kommenden Jahren ausgebaut werden kann, müsste auch die Aktie wieder stärker in das Blickfeld der Anleger rücken. Beim derzeitigen Kurs von 2,50 Euro errechnet sich gerade einmal eine Marktkapitalisierung von 15 Mio. Euro.


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Veröffentlichungsdatum: 12.06.2026 - 13:08
Redakteur: mwa
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